Freitag, 3. November 2006

Abgeschleppt



Letzten Sonntag hatte ich, wie immer seit vielen Jahren, mein Auto auf der Straße vor dem Appartment-Block meines Schwagers in Villa Coapa abgestellt (der Block hat -wie die meisten im D.F.- keine Besucher-Parkplätze).
Eine halbe Stunde später erinnerte ich mich, dass ich etwas im Wagen vergessen hatte und ging auf die Straße.

"Auto weg! Futsch! Oh, Schei...! - Was war drin? Was wertvolles? Hmmm..."

Ich drehte mich um und fragte den vigilante des Appartment-Blocks. "Ja, den hat die grua mitgenommen", meinte er seelenruhig, "aber das ist doch bekannt. Schließlich ist da ein Parkverbot."
Ich hielt mich zurück. "Sag' nix, sag' nix!", dachte ich nur.

In der Wohnung meines Schwagers schauten alle verdutzt, als ich die Autoschlüssel wieder auf den Tisch legte und mit ernster Miene sagte: "Abgeschleppt."
Zuerst glaubte mir keiner, und auch meinem Schwager war es neu, dass vor der Tür abgeschleppt wurde. So'n Ärger aber auch... - bei einer Nachfrage stellte sich heraus, dass die Nachbarn das schon seit längerem wußten. Offenbar gut informiert, mein lieber Schwager...

Naja, ins Auto meiner Schwägerin gehüpft und nach dem depósito gesucht. Bald fanden wir einen leeren Abschleppwagen und warteten darauf, dass er ein Auto auflud. Meine Frau wollte es sich gerade bequem machen, um die langwierige Prozedur abzuwarten, als der Wagen an uns vorbeifuhr: weniger als eine Minute, um ein Auto zu "schultern"! (Die Lösung: einfach die Krallen unterschieben, zumachen, anheben und abfahren; nix mit Sicherung des Wagens... - wenn der Abschleppwagen zu schnell fährt, kann das Auto hinten runterfallen und ordentlich Schaden nehmen...)

Wir hinter ihm her. Im Depot auf dem Periférico bei Cuemanco (= Nord-Xochimilco) gab's schon eine Schlange. Offenbar war gerade Geldeintreib-Fest der Polizei: alles, was irgendwie falsch geparkt aussah, wurde einfach mitgenommen. Irgendwie muß ja die vom MALOco geplünderte Stadtkasse wieder gefüllt werden...

Kostenpunkt: $370,- für's Abschleppen + $122,- für's Falschparken (wenn man in 24 Std. zahlt; sonst das Doppelte).
Vorzulegende Papiere: tarjeta de circulación (Fahrzeug-Schein), die credencial IFE (oder FM) des Besitzers (laut tarjeta de circulación) und dessen gültiger Führerschein (und ich fragte mich, was man macht, wenn man zwar der Besitzer des Wagens ist, aber keinen Führerschein hat).

Die tarjeta de circulación war im Auto; uns wurde erlaubt, sie aus dem versiegelten (siehe Foto oben) Auto herauszunehmen. Natürlich hatte ich mein FM nicht dabei und das Original lag bei mir zuhause. Eine Kopie habe ich aber immer im Portemonnaie.
"Ohne Original geht nix. Und zwei Kopien wollen wir auch.", meinte der Polizist. "Wir haben bis 18:00 Uhr geöffnet.", ergänzte er sarkastisch, als ich ihm sagte, wo meine Papiere waren.

Ich hatte mich schon fluchend darauf vorbereitet, mit Metro und Bus bis in den Norden zu fahren, als mein Schwager meinte: "Da kann man bestimmt was regeln, damit Deine Kopien akzeptiert werden." (im Polizisten-Jargon heißt das "dar atención")
Ich war nicht einverstanden (bin's immer noch nicht und an jedem anderen Tag hätte ich die Fahrt auf mich genommen), aber angesichts der Geburtstage meiner Frau und meiner Schwägerin, die wir an diesem Tag feierten, sagte ich zu.

Es dauerte etwa 20 Minuten, bis mein Schwager den "Preis" von $400,- auf $200,- gedrückt hatte und wir annahmen. Am Schalter wurde der 200er-Schein in den 500er-Schein gesteckt und so durch's Fenster gegeben. Die 8 Pesos Wechselgeld behielten sie (und können sie sich gerne dahin stecken, wo's ihnen am meisten gefällt).

Nach insgesamt einer Stunde war der Spuk vorbei und wir wieder in meines Schwager's Wohnung. Das Auto stand nun aber auf dem Parkplatz eines Nachbarn, den wir um Erlaubnis gebeten hatten (und wird auch nie wieder auf der Straße abgestellt werden).

Wieder was gelernt...

P.S. Die mordida war nur deswegen möglich, weil ich wenigstens eine FM-Kopie dabei hatte. Andere "Abgeschleppte" waren ärmer dran.
Etwa der Taxifahrer, der den Wagen für seinen patrón fuhr, der zwar der Besitzer, aber nicht der in der tarjeta de circulación Eingetragene ist. Wer weiß, was der Mann da regeln muß(te), um sein Taxi freizubekommen.
Oder der junge Mann, dessen Auto noch auf den Namen seines Bruders registriert ist. Der Bruder war gerade mit den notwendigen Papieren auf dem Weg von Tlalnepantla nach Xochimilco...

Manchmal hilft's doch gewaltig, die Papiere en regla zu haben (und nur für ein leicht auffindbares Original nach Hause reisen zu müssen)...

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4 Kommentare:

Anonymous Hans schrieb...

Na das geht ja noch, 492.- Pesos sind gerade mal 35.- Euros. Soviel kostet ein knoellchen fuer Falschparken in Deutschland auch, aber der Abschleppwagen ist nicht inbegriffen.

3. November 2006 um 20:18  
Anonymous Tanja (LaLuna) schrieb...

*gg* Roland sei froh, dass Du nicht hier in Wien abgeschleppt wurdest:
Abschleppgebühr: 162 Euronen
Verwahrungsgebühr: 6 Euronen pro Tag
Anzeige für Falschparken: 70 Euronen
Macht in Summe 208 Euronen sofern Du Dein Auto noch am selben Tag abholst. Grob umgerechnet wären das rund 2900 Pesos.

Hinzu kommt, dass die Verwahrungsstelle für abgeschleppte Autos NICHT mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist - entweder Du bist gut zu Fuß oder Du findest eine gute Seele, die Dich hinfährt ... wenn nicht kannst getrost noch mal 20 bis 50 Euro für Taxi dazu rechnen.

OK, dafür sind unsere Parkverbote in aller Regel klar und deutlich ausgeschildert. Trotzdem: WUCHER ist es allemal!!!

LG aus Wien
Tanja

4. November 2006 um 04:58  
Blogger rolandmex schrieb...

In Ländern, in denen ich ein vielfaches dessen verdienen würde, was ich hier bekomme (vorausgesetzt, es gibt einen Job für meinen etwas exotischen Beruf (Kartograph)), wären die knapp 500 Pesos auch ein Zuckerschlecken.
Aber denkt mal an Otto-Normal-Mexicaner, die vielleicht 3000 Pesos im Monat verdienen; da hauen etwa 1/6 des Monatslohn als Strafe ganz schön in die sowieso schon klamme Haushaltskasse...

Die Gebühren für Vergehen werden in Mexico auf Basis des Mindestlohns (salario mínimo: im D.F. z.Zt. etwa 43 Pesos pro Tag) berechnet - also: x mal salario mínimo für dieses oder jenes Delikt.

Das Stehenlassen im depósito hätte übrigens 38 Pesos pro Tag gekostet; der 24-Std.-Schnellzahler-Rabatt galt nur für das Falschpark-Knöllchen, nicht für das Abgeschleppt-Werden.

4. November 2006 um 10:49  
Anonymous Lithium schrieb...

jajaja, sabes es gracioso leer esa historia en alemán, algo tan mexicano escrito en otra lengua es algo raro y nuevo para mi.

4. November 2006 um 17:16  

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