Mittwoch, 25. April 2007

Die Diskussion um die Abtreibung

Unabhängig davon, was ich von der Gesetzes-Initiative in der Asamblea Legislativa del D.F. (ALDF) halte, ist die darum gehende Diskussion syptomatisch für die mexicanische Gesellschaft, wie ich finde.

Da sind auf der einen Seite die Parteien PRD/PT/Convergencia, PRI, Nueva Alianza und Alternativa in der ALDF, die den Entwurf mit ihrer Mehrheit durchgedrückt haben (legal also vollkommen in Ordnung).
Auf der anderen Seite sind die sog. Abtreibungs-Gegner, allen voran die kath. Kirche, die das Recht auf Leben für Ungeborene verteidigen.

Interessant ist die Diskussion, in der -ähnlich wie bei der anhaltenden politischen Spaltung des Landes (hier MALOco/PRD; dort PAN)- nicht nur mit harten Bandagen, sondern auch mit unfairen und zum Teil lächerlichen legalen Mitteln gekämpft wird.

Die kath. Kirche sagt, sie sei gegen die Entkriminalisierung der Abtreibung. Sofort kommen die Befürworter der Abtreibung und wollen ihr den Mund verbieten, weil sie angeblich Einfluß auf die Politik ausübt; also -ihren Worten folgend- den famosen estado laíco unterspülen wollen und führen Argumente wie Pädophilie von Priestern ein, die völlig Thema-fremd sind und rein gar nichts zur Diskussion beitragen, sondern nur ablenken vom eigentlichen asunto und die Argumente-Armut der Befürworter zeigt.
Können die Politiker der ALDF nicht selbst denken und entscheiden?

Die PAN-Abgeordneten in der ALDF beantragen eine Volksbefragung (offenbar mit dem Kalkül, die Entscheidung zu verzögern, um Kräfte sammeln zu können), weil sie glauben, die Bürger wären in der Mehrheit gegen die Entkriminalisierung. Die sonst ach-so-basisorientierten PRDler (die zu ihrer Zeit sogar wegen der Sommerzeit das Volk befragt hatten) wollen das aber nicht; wohl aus Furcht, sie könnten das Plebiszit verlieren.
Und ich dachte, Volksvertreter würden das Volk vertreten und nicht ihre eigenen, bzw. Partei- und Lobbyisten-Interessen.

Dann sagt die kath. Kirche, alle Abgeordneten, die für den Gesetzesentwurf stimmen, werden exkommuniziert. Das ist ihr gutes Recht, wie ich finde: wer sich im "Verein" Kirche nicht an die "Satzung" (den Katechismus) hält, der fliegt raus (verschiedene Parteien sollten da mal vor der eigenen Türe kehren; da wird man wegen weniger schwerer Vergehen vor die Tür gesetzt oder übelst beschimpft).
Es ist ja nicht so, dass die kath. Kirche keine "Konkurrenz" hätte und es keine Alternativen zu ihr gäbe, wo man die Angelegenheit lockerer sieht. Notfalls könnte man ja, wie Heinrich VIII. damals, seine eigene Kirche gründen. ;-)

Heute, bzw. gestern kam der Gipfel: da haben Politiker eine Anzeige gegen den Erzbischof von Mexico-City und dessen Pressesprecher erstattet, weil sie sich angeblich in die Politik eingemischt hätten und das laut irgendeinem Gesetz von Anno Tobak verboten sei. Das Innenministerium hat Ermittlungen aufgenommen, die wahrscheinlich im Sand verlaufen werden (wg. Lächerlichkeit).

So debattieren alle so vor sich hin, und vor allem die "políticos super-laícos" im Staate D.F. haben offensichtlich so viel Flatternsausen vor der von der kath. Kirche angekündigten Exkommunizierung, dass sie den Gang in die Hölle mit Händen und Füßen (und mit einer Verurteilung der Kirchen-Vertreter) verhindern wollen.

Pobre México: tan lejos de dios y tan cerca del infierno... ;-)

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7 Kommentare:

Blogger Sven schrieb...

Der katholische Glaube ist - sage ich mal frech - von den Spaniern als Macht- und Steuerungsinstrument importiert worden. Das haben die Mexikaner aber nicht gesehen und zwar die Spanier vertrieben, aber nicht deren Glauben. Und so ist man zwar auf dem Papier unabhaengig, aber der Steuermechanismus funktioniert immer noch (wenn auch inzwischen ferngesteuert aus Rom). Das Problem dabei ist folgendes:

Einerseits sollen die Politiker die Interessen des Volkes vertreten - andererseits koennen sie (sofern sie die Legalisierung der Abtreibung als Interesse des Volkes sehen) dann nicht mehr der Kirche angehoeren - was in Mexico durchaus ein dickes Ding sein kann. Es wird unmoeglich, beide unter einen Hut zu bringen, und so wird folglich ein Gewissenskonflikt von der Kirche bewusst provoziert, um die Auffassung des Vatikans durch persoenliche Nachteile fuer die Abgeordneten durchzusetzen. Dass nenn ich mal Demokratieverstaendnis...

In Deutschland sind genau solche Unterwanderungs- und Beeinflussungs-Methoden uebrigens der Hauptgrund warum Scientology vom Verfassungsschutz ueberwacht wird.

Von daher finde die Diskussion sehr wohl berechtigt und halte die Methoden der Kirche fuer einen klaren Machtmissbrauch. Der mex. Staat ist saekulaer - das ist Gesetz, und ans Gesetz muss sich nunmal auch die Kirche halten. Wer Politiker beeinflussen will, kann Lobbyarbeit leisten - aber wer das mit erpresserischen Methoden versucht, gehoert bestraft.

Soviel zu meinen 20 Centavos.

25. April 2007 um 17:41  
Blogger Sven schrieb...

Zufaellig grad zum Thema bei SpiegelOnline:


Ein durch eine Vergewaltigung schwangere Zehnjährige soll ihr Kind austragen. Das mexikanische Mädchen [...]


Da hat die Kirche anscheinend mit Ihrem Cocowash schon ganze Arbeit geleistet... Mal sehen, ob die Kleine auch bald - wie andere Vergewaltigungsopfer - in TV-Spots von Abtreibungsgegnern einen Text abliest, wie gluecklich sie mit ihrer Entscheidung ist.

25. April 2007 um 17:47  
Blogger rolandmex schrieb...

Nur eine kurze Anmerkung: Abtreibung unter bestimmten Umständen (u.a. Vergewaltigung) war auch schon vorher legal.
Was jetzt legalisiert wurde, ist Abtreibung bis zur 12. Woche ohne Angabe von Gründen.

Ich sehe im von Dir genannten Bericht keinen Hinweis auf Cocowash von seiten der Kirche. Dass man ein Kind in der 28. Schwangerschaftswoche nicht mehr abtreibt, werden sogar Abtreibungs-Befürworter bestätigen.
Alles andere wäre unverantwortlicher Humbug.

25. April 2007 um 18:20  
Blogger Sven schrieb...

Ich weiss, dass Abtreibung unter bestimmten Voraussetzungen bereits straffrei ist. Mir ging's auch weniger darum, Position in der Abtreibungsdebatte zu beziehen, als mal einen genaueren Blick auf das Verhalten der Kirche zu werfen.

"Dass man ein Kind in der 28. Schwangerschaftswoche nicht mehr abtreibt, [...]"

... ist schon klar. Aber warum ist's ueberhaupt soweit gekommen?

Klar ist die Sache mit dem Cocowash in diesem Fall reine Spekulation, aber meine (wenn auch eingeschraenkte) Mexico-Erfahrung zeigt mir, dass eine religioese Argumentation FUER das Austragen eine recht wahrscheinliche Option ist, die (Nicht-)Reaktion der (Gross-)Eltern zu erklaeren.

Ich weiss nicht mehr wo, aber ich habe irgendwo von einem Maedel gelesen, dass mit 13 (oder 14?) vergewaltigt wurde, und dann - mit Unterstuetzung eines Priesters - die Entscheidung getroffen hat, das Kind auszutragen. Heute ist sie im Fernsehen zu sehen und stellt ihre Geschichte den Abtreibungsgegnern fuer deren Argumentation zur Verfuegung... Ich hoffe, wenigstens sowas bleibt der kleinen 10-jaehrigen erspart.

25. April 2007 um 23:12  
Blogger rolandmex schrieb...

"(...) eine religioese Argumentation FUER das Austragen eine recht wahrscheinliche Option ist, die (Nicht-)Reaktion der (Gross-)Eltern zu erklaeren.

Naja, wenn alles mit rechten (= natürlichen) Dingen zugeht, dürfte eine zehnjährige noch nicht einmal ihre Regel bekommen haben; "normale" Eltern werden also davon ausgehen, dass irgendeine Infektion oder Darmverstimmung vorliegt, wenn's der Kleinen schlecht ist, und wenn dann ab etwa dem 3. Monat der Bauch wächst, ist's schon zu spät.
Von daher sehe ich speziell diese Nachricht etwas skeptisch.

Mit der Kirche hat das m.E. wenig (wenn nicht gar nichts) zu tun.

26. April 2007 um 00:14  
Blogger Miesepeter schrieb...

Heute, bzw. gestern kam der Gipfel: da haben Politiker eine Anzeige gegen den Erzbischof von Mexico-City und dessen Pressesprecher erstattet, weil sie sich angeblich in die Politik eingemischt hätten und das laut irgendeinem Gesetz von Anno Tobak verboten sei.

Dieses Gesetz von Anno Tobak ist nichts anderes als die Verfassung, Artikel 130. Wenn das der Gipfel sein soll sei die Frage erlaubt wie tief das Tal ist.

Jeder glaeubigen Katholikin bleibt es ja ueberlassen sich frei nach ihrem Glauben zu entscheiden, doch deshalb sollte man den Frauen insgesamt doch diese Entscheidungsfreiheit nicht absprechen.

26. April 2007 um 03:46  
Blogger rolandmex schrieb...

"Wenn das der Gipfel sein soll sei die Frage erlaubt wie tief das Tal ist."

Na, der Treintaytres. ;-)

Beziehst Du Dich auf den Absatz e)? Wenn ich als Priester was sage, bevor das Gesetz verabschiedet wurde, habe ich doch nicht gegen ein Gesetz opponiert.
Ich bleibe dabei: lächerlich.

Wer die Verfassung von Anno Tobak (1857 bzw. 1917) heranzieht (ich meine nicht Dich, sondern die Anzeige-Erheber), der sollte vielleicht auch mal die ersten 29 Artikel lesen, wo u.a. auch auf das Recht auf körperliche Unversehrtheit hingewiesen wird.

26. April 2007 um 11:48  

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