Dienstag, 15. August 2006

Von der Intoleranz

In letzter Zeit wurde mir von verschiedenen Seiten (alles Mexicaner) davon erzählt, wie Veränderungs-resistent viele Arme in diesem Land sind; dass ihnen die Verbesserung ihrer finanziellen Situation nicht wichtig ist.

Daraus habe ich jetzt für mich den Schluß gezogen, dass Arme in diesem Land oft gar nicht aus der Armut herauswollen und zufrieden sind mit ihrer Situation.

Ich hatte versucht, dazu eine Diskussion anzufangen in der Mexico-Community.
Leider wurde ich gleich von einer Person persönlich angegriffen, die mich nicht kennt, aber gleich mit dem Hammer draufschlug mit der Anschuldigung, ich hätte kostenlose Ausbildung in Deutschland genossen, wäre dann nach Mexico gegangen und würde jetzt den Moral-Apostel spielen wollen. Zwischen den Zeilen las ich den Vorwurf, ich würde Mexico ausbeuten und mich jetzt lustig machen wollen über die Armen in "ihrem" Land, dem sie offenbar genauso "entflohen" ist wie ich Deutschland (mittlerweile hat sie ihre Beleidigung gelöscht; daher kann ich nicht zitieren).

Ich ziehe es daher vor, die Diskussion abzubrechen und das Thema zu löschen.
Offenbar ist die Mexico-Community nicht reif genug für eine solche Diskussion und einige der User zu intolerant dazu.

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12 Kommentare:

Blogger Rodrigo schrieb...

Du solltest dich nicht beklagen, das ist so überall, man erlebt das auch in Deutschland, wenn man eine Kritik übt, die die deutsche Gesellschaft betrifft, bekommt man als Antwort, "wenn es hier dir nicht gefällt, was machst du dann hier?" und erwähnen, dass man aus disem Grund abhauen soll.
Vielleicht ist diese Person nach ihrem Aufenthalt in Deutschland intolerant geworden.... wer weiß.....
Über die Armut kann ich dir sagen, in Mexiko gilt es nocht Aussagen wie "humilde pero honrado", "pobre pero feliz" und du hast vollkommend recht, wenn du sagst, dass die arme so sind, weil sie das wollen. Muss auch dazu sagen, dass in Mexiko das Leben als Student deutlich einfacher ist, einfacher eine Arbeit zu finden, billigere Unterkunft und natürlich billigere Unis. Darüber hinaus hat jeder die Chance zu studieren und nicht wie hier, wo nur eine Minderheit mit Abi studieren darf, also verstehe ich nicht, warum diese Person es dir vorwirft.
Letzendlich gilt diese Idee vom "American Dream" und "Self made man" immer noch in MX, was in Deutschland kaum vorstellbar ist...
Und bevor jemand mich kritisiert, muss ich ihm sagen, dass meine Eltern die Armut überwindet haben, mein Vater hat fast seine ganze Jugendzeit in Neza gewohnt, musste seit der Grundschule arbeiten und die Bildung mehrmals unterbrechen, hatte er oder seine Familie keine Luxussachen wie Auto, Urlaub oder sogar Fernsehen und trotz Schwierigkeiten, Demotivieren seiner Familie und Mangel an Sachen wie Fremdsprachkenntnisse, Stipendien, finanzielle Unterstützung, usw ist er durchgekommen, ohne "tranza" zu sein oder Vergehen zu machen. Er ist heutzutage sein eigener Chef, während seine Bruder, die nicht leisten wollten, genauso geblieben sind. Bei meiner Mutter ist genauso eine ähnliche Geschichte und sie ist heutzutage Mitglieg des SNI (Sistema nacional de investigadores).
Also, wer will es, kann es...

16. August 2006 um 03:35  
Blogger Hollito schrieb...

Tja Roland, genau das gleiche Phänomen wird ja mittlerweile hier in D auch beobachtet, sehr oft (aber nicht ausschließlich) bei Immigranten in der 2ten und 3ten Generation, die "keinen Bock" haben zur Schule zu gehen oder dort etwas zu lernen, und sich mit dem Gedanken an die sichere HartzIV-Kohle vom Staat zufrieden geben. Oft, weil die Eltern es genau so machen. Die sind dann aber auch für einfachste Arbeiten nicht zu gebrauchen, weil sie eben nix gelernt haben.

Ich glaube NICHT, daß z.B. türkische oder russische Jugendliche "dümmer" sind als deutsche, aber solange es als "cool" gilt, sich möglichst oft zu prügeln, in Gangs auf der Straße rumzuhängen und Leute anzupöbeln ("Ey alder, hassu problem odda was?"), und als "uncool", zur Schule zu gehen oder nen guten Abschluß hinzulegen - tja, so lange werden die Leute aus ihren Ghettos nicht rauskommen.
Und sich andererseits lauthals beschweren, daß ihnen ja "keine Chancen gegeben werden" oder sie "benachteiligt werden"...
aber selber den Arsch hochkriegen ist eben nicht drin. Das gilt übrigens auch für die deutsche Sprache: Sprachkurse vom Staat? Hirnrissig, wer kein Deutsch lernen will, muß eben zuhause bleiben.

Hab übrigens gerade mit einem Türken telefoniert - ist mit ner Deutschen verheiratet, hat nen Doktortitel und kommt nach eigener Aussage mit 99% seiner hier lebenden Landsleute nicht zurecht (und hat daran mittlerweile auch kein Interesse mehr)...
Wie schon oben gesagt: Wer es will, der kann auch...

16. August 2006 um 10:28  
Blogger rolandmex schrieb...

Ich wurde in einer PN in der Mexico-Community gefragt, ob ich denn schon in einer Lehmhütte gehaust habe.
Nein, habe ich nicht - aber meine Schwiegermutter.

Sie ist eins von 12 Kindern (von denen, die die ersten Lebensjahre überlebt haben und nicht schon im Kindesalter gestorben sind) eines Lehrers, der vom Land in's Dorf Xochimilco kam. Das muß so um 1930 gewesen sein, wo er wahrscheinlich einer der wenigen war, die überhaupt lesen und schreiben konnte. "Gebildet" im Sinne von "mit fundiertem Wissen" ausgestattet war der Opa meiner Frau bestimmt nicht, denn er war -wie bei "echten Männern" üblich- jedesmal stinkesauer, wenn seine Frau (15 Jahre jünger als er) nicht schwanger war und schlug sie dann (als er starb, war laut Aussage der Familie die Oma sehr erleichtert und lebte erst auf; ich habe die Oma als eine liebe Frau kennengelernt, die aber keine Probleme hatte zuzugeben, dass sie früher eine cabrona war).

Von all' den Kindern haben nur zwei etwas aus ihrem Leben gemacht: meine Schwiegermutter und ein Bruder, der ihr sehr nah stand.
Während er Ende der 1960ern als wetback in die USA ging und heute dort mehrere Häuser in East L.A. hat (er fing als einfacher chalán an, sparte kräftig und kaufte sich irgendwann mal ein Haus in erbärmlichen Zustand, renovierte es und verkaufte es wieder, um das Geld weiter zu investieren, usw.), begann meine Schwiegermutter, die als Kind nie ein Paar Schuhe getragen hatte, 14-jährig als ayudante de la ayudante de la enfermera (Anwärterin auf Helferin der Krankenschwester-Assistentin) beim IMSS. Eine beliebte Anekdote von ihr ist die Geburt, die sie gleich am Anfang, unschuldig und unwissend wie sie war, miterleben mußte, und bei der sie, ganz auf sich allein gestellt, das Neugeborene noch schnell mit einer Nierenschale auffing, bevor es auf den Boden gefallen wäre.

Sie verkaufte Kaugummi auf der Straße, klingelte an Haustüren reicherer Leute, um sie zu bitten, ob sie ihr nicht ein wenig Arbeit geben könnten (putzen, waschen, etc.) und sparte sich so die Möglichkeit zusammen, auf die Medizin-Schule (damals noch im weit entfernten centro entfernt; heute ist dort an der Plaza Santo Domingo das Medizin-Museum) gehen zu können und Krankenschwester zu werden.

Lange Rede, kurzer Sinn: sie ist diplomierte Krankenschwester mit späterer Spezialisierung in materna infantil (Schwangerschaft/frühe Mutterschaft), hatte in den letzten Jahren vor ihrer Pensionierung ihr eigenes Sprechzimmer in einer IMSS-Klinik.
Ihre drei Kinder hat sie alleine großgezogen; alle haben studiert und sind "tituliert"; auch ihr Sohn mußte putzen und abspülen, obwohl die zu der Zeit immer noch bei "Mama" wohnenden Onkel ihn oft als puñal (schwul) beschimpften.

16. August 2006 um 13:16  
Blogger cabronsito schrieb...

Na, dann warte mal ab, Roland. Hast Du meine mail schon gelesen?
Ich hab das mit Absicht erstmal nicht oeffentlich erwaehnt. Das ueberlasse ich Dir.

Koennte lustig werden, genauso wie auch nervig.

Sorry an alle anderen fuer diese Geheimniskraemerei.

16. August 2006 um 14:03  
Anonymous Anonym schrieb...

schade Roland, ich hätte im blog auch gerne noch einen Kommentar abgegeben.
die Situation, die Du von der Schwiegermutter beschreibst finde ich sehr interessant. Ähnliche Wege gingen die Deutschen. Nun, Frauen waren oder wurden nicht (nach meinem Wissen) unter Druck gesetzt Kinder zu bekommen.
Auch die "Lehmhütte" ist eher mit einem baufälligen Haus und einer Einzimmerwohnung für 2-5 Personen zu vergleichen, mit Rohrbruch und Ofenheizung, wenn überhaupt geheizt werden konnte. Decken über Wäscheleinen haben den Wohnraum von Schlafsofas getrennt oder von der gewaschenen Wäsche.
Meine Mutter und ihre Geschwister wurden aufs Land in ein Gartenhaus gebracht, um sie vor Bomben zu schützen und um ihnen über die Bewirtschaftung des Gartens auch Nahrung zu geben, die es nicht zu kaufen gab. In der Schutzhaltung also ein angenehmeres Leben gehabt.

Ich habe immer einen sehr grossen Respekt und Staunen übrig für die Menschen, die sich in der Nachkriegszeit so durchgeschlagen haben. Es zu etwas gebracht haben, wie es mir heute kaum noch möglich erscheint.
Eine hier sehr weit gekommen Person ist Werner Otto – der Versandhauskönig wie wir ihn nannten. Er zuckelte auch zu Fuss mit seinem Bauchladen (wie es sie in Mexiko immer noch gibt) über die Lande und verkaufte. Was nun der entscheidende Zünder war, ein Versandhaus zu gründen, weiss ich leider nicht.
Und das ist es, was ich Deinem Thema und dem Kommentar Schwiegermama bemängele: Das war Gestern.
Wenn aber von der Faulheit der Deutschen - oder in Deinem Fall von Mexikanern gesprochen wird, die an ihrem Leben nichts verändern möchten, dann ist das HEUTE. Sagen wir, es betrifft die (deutschen) Enkel der Nachkriegszeit. Die 68 Geborenen und später.
Es sind deren Eltern, die in der Nachkriegszeit entweder durch Flucht aus anderen Ländern keinen Fuss fassen konnten in Deutschland oder weil sie völlig mittellos waren, weil der Krieg alles genommen hatte. Ja, auch die vielen - ich-möchte-vergessen Trinker, deren Kinder die soziale Unterstützung des Staates Deutschland geniessen durften, deren Enkel gehören zu der Gruppe, wo sich die Unterstützung durch den Staat wie eine Perlenschnur von Generation zu Generation zieht.
Ich weiss es nicht sicher, aber ich glaube eher nicht, das unsere türkischen, polnischen oder russischen Kinder von Sozialhilfe leben. Möglicherweise eher von diesen Ausgleichszahlungen, wegen der schweren Schuld, die offenbar nie abgetragen scheint. Damit bauen sie Häuser, die sich unsereins nie leisten könnte - aber sie wohnen darin auch in Sippenverbänden und eher nicht als Familie mit zwei Kindern. Sie wohnen auch in „Baracken“, den Aussiedlerhäusern mit vielen Fremden aus anderen Ländern zusammen. Es sind auch viele dabei, die das kriminelle Ausbluten des deutschen Staates verdeckt herbeiführen – keine Frage. Auf jene, die hier Unterstützung welcher Art auch immer erhalten, aber den Mercedes vor der Tür haben, die neuesten (geklauten Fahrräder) auf jene ist man natürlich stinkesauer und ihnen nicht wohlgesonnen.
Aber, das grösste Problem stellt doch die mangelnde Arbeit dar – die in Mexiko für die weniger geschulten/beschulten Menschen eben auch nicht da ist.
Der Mangel an Arbeitsplätzen, die wie eh und jeh auch bezahlt werden vor allem. Die den Menschen die soziale Sicherung gibt, und aus der sie schöpft, wenn das Äussere bröckelt.
Die Kosten schnellen hier in die Höhe, bei ca -5 Mio erfassten Arbeitslosen. Denn der Rest, der immer mehr an Sozialabgaben zu tragen hat, hat diesen „Gemeinschaftsauftrag“ die anderen mit durchzupflegen. In guten Zeiten war das kein Problem, aber es wurde auch leichtfertiger mit dieser Reserve umgegangen. Wobei ein Sozialhilfeempfänger damals KEIN Auto besitzen durfte, und auch der Wohnraum angemessen sein musste.

Aber was ich eigentlich sagen möchte: Täten wir uns hier auf die Socken machen, um Handgeschnitztes zu verkaufen, oder Kaugummi aus dem Bauchladen, oder würden wir privat uns irgendwas einfallen lassen, um irgendwie zu Geld zu kommen, dann wäre es Schwarzarbeit und damit verfolgt. Meldet man derartige Gewerbe an, hat man wieder Steuern zu zahlen, Genehmigungen, Gelder von der Bank zu holen, die dieser Art Gewerbe einfach nicht rechtfertigt. Und, was die handwerkliche Fähigkeit angeht, ist nicht jeder ein Künstler, der sich dann auf die Schiene der Hochwertigkeit begeben kann. Künstlerisches handwerkliches Schaffen wird hier eher zur Freude veranstaltet, für den eigenen Ausdruck und entsprechend schräges kommt auch dabei heraus, was dann auf Basaren und sonstigen Veranstaltungen durch Verkauf ein paar Mäuse bringt, aber kaum Hunger oder sonstige Zahlungen tilgen könnte. Von der Diskrepanz, in welche Steuerklasse verheiratete Frauen eingestuft werden – nämlich mit dem höchsten Steuersatz wo gibt, und all dem drum und dran, ist es wirklich keine Milchmädchenrechnung, wenn man dann lieber auch unbewegt sein Leben lebt, statt der Hatz und Jagd nach Geld hinterherzuhupfen.
Frauen werden nämlich immer noch schlechter behandelt, auch wenn das unserem Grundgesetzt widerspricht. Ein Hund hat jedenfalls mehr Aufmerksamkeit.
Natürlich geht damit auch ein, dass nicht alle zwei Jahre ein Neuwagen gekauft wird, eine Wohnung renoviert wird, die Urlaubsreise nach Mexiko oder auf die Fidjiinseln geht, sondern an die Lübecker Bucht, oder um die Ecke in den Baggersee. Will sagen, der grosse Traum vom Glanz des Lebens wird auf ein natürliches Maß zurückgeschraubt.
Und, was die Menschen angeht, die von der Sozialhilfe unterstützt aufwachsen, die haben in der Tat auch häufig ein Umfeld dazu, was es ihnen sehr schwer macht, sich aus diesem Brei heraus freizustrampeln – trotz der Schulpflicht, die immer wieder eingefordert werden muss, und sei es nur, dass das Kind rechtzeitig dort in der Schule ankommt, nicht riecht, nicht schon geraucht hat, oder gar trunken, weil nix anderes im Hause angeboten wird. Die Schultasche in Ordnung ist und so weiter. Und immer wird die Mutter für jeden Kram verantwortlich gemacht. Ich weiss nicht, wie das hier wäre, müssten Eltern sich von den Schulen ihrer Kinder auch Zeugnisse abholen in denen steht wie sie sich geführt haben, wie es in Mexiko wohl üblich ist.
Und, es gibt neben der Arbeitslosigkeit eine extrem hohe Scheidungsrate. Die das Geld auch teilt, die die Menschen lähmt, irgendwohin zu kommen – de strampeln durch den Alltag um ihn zu bewältigen. Ein System der gegenseitigen Hilfe durch Familie (!!! Aha – da ist ein Unterschied zu Deutschland) den gibt es hier nicht. Man wendet sich eher an Behörden, statt an den reichen Onkel.
Man emanzipiert sich damit auch von der Familie, hat sich unabhängig gemacht, was ja auch nicht nur Nachteil ist, sondern eben auch solche Nachteile in sich birgte, das man in die körperliche Abhängigkeit von Wohltätern kam, die damit zu Tätern wurden. Und insofern wird hier für Frauen ja doch zumindest laut getrommelt, dass es verpönt und entwürdigend ist.
Die Möglichkeit eine bezahlte Arbeit zu erhalten – egal welchen Geschlechts, Ausbildung oder was man ist, Drogen, Emanzipation/Scheidungen(auch Folge von Arbeitslosigkeit), und der Staat an sich mit all seinen Befugnissen – Pflichtheftchen verhindern das Menschen einfach irgendwas tun können, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Und doch gibt es auch immer wieder Ausnahmen, die es schaffen. Und niemand sollte aufgeben, von irgendwas zu träumen, was er tun kann um Geld oder für seinen Unterhalt zu sorgen. Oder man lebt dann halt extrem einfacher. Nur glaube ich, dass das in Deutschland nicht mehr möglich ist. Bei einer solchen Lehmhütte, würde sofort die Gesundheitsbehörde einschreiten, wenn Kinder da sind. Oder das Ordnungsamt.



Lieben Gruß
Clara

**
nun hats doch geklappt

17. August 2006 um 03:45  
Anonymous Anonym schrieb...

Nachtrag zu Clara von Clara

PS die Türken bekommen natürlich keine Ausgleichszahlungen.
die sind auch anders familär organisiert. Betreiben hier die Gemüseläden und Dönergeschäfte oder Lebensmittelhandel für ihre Leute und Deutschen denen es auch schmeckt.
Ich sehe nicht in dem Sinne, dass die faul sind, oder gar ovn unserem System unterstützt werden. Was ich aber gehört habe, dass sie unsere Gesetzeslücken gut vrestehen auszuschlachten, indem die Inhaberwechsel immer einer neuen Geschäftsgründung gleichkommt. Die wenigsten Frauen arbeiten ausser Haus. Die jungen Mächdchen bekommen ihre Schulzeit, und ihre Lehrstellen. Manchmal scheint sich hier der Eindruck einzustellen, dass eher die Fremden vorankommen, die Deutschen Jugendlichen auf der Strecke bleiben. Immer wieder hörte ich von Jugendlichen der 80er dass sie zwar eine Lehrstelle bekamen, aber wegen Unpünktlichkeit sofort wieder auf der Straße sassen. Aber, auch die Lehrstellenanbieter scheinen sich da gewisser Dinge zu entledigen, die sie bei der Flut der Menschen die dort an die Türen klopfen, mit denen sie sich einfach nicht mehr befassen wollen. Menschlichkeit ist futsch. Lehrväterlichkeit sowieso.

17. August 2006 um 04:02  
Blogger rolandmex schrieb...

Ich denke, hier sind zwei Dinge durcheinandergeraten: ich bezog mich in allem zum Thema nur auf Mexico.
Ich weiß, dass die Situation in Deutschland anders ist, schon allein deswegen, weil es keinen mehr gibt, der weitab vom Schuß irgendwo in der Sierra ohne fließendes Wasser und Strom lebt. Hier gibt es das aber - und nicht zu knapp.
Da wäre eine ordentliche Schulausbildung mit regelmäßigem Essen schon die Chance für's Leben (anstatt schon als Kind mit baren Händen irgendwelche Wurzeln ausgraben oder schwere Holzpakete schleppen zu müssen).

Anderes Beispiel: eine Freundin hatte eine Zweigstelle für Tubix-Wassereis aufgemacht (die starke Konkurrenz ist BonIce; beide werden von herumlaufenden Verkäufern am Straßenrand verkauft). Ein Wassereis kostete 2,50 Pesos, von denen der Verkäufer 60 Centavos behielt; wenn er mehr als 100 Stück am Tag verkaufte, bekam er 10 Tubix geschenkt, deren Gewinn ganz allein für ihn war.
Sie mußte den Laden dichtmachen.

Warum?
Kaum einer wollte die Arbeit machen, weil man ja so schlecht verdiente und außerdem den ganzen Tag in der Sonne laufen mußte. Da könne man ja im Lager oder als Kellner mehr pro Stunde verdienen... dass man für's Eisverkaufen nur 2,50 + 2,50 rechnen können, nicht besonders aufmerksam sein und nix schleppen mußte, war den Leuten nicht klar; auch nicht, dass ihnen alles gestellt wurde: das Eis, eine Kühltasche, ein Overall, ein Kappe und eine Trillerpfeife.

(Fortsetzung folgt; bin heute etwas knapp mit der Zeit)

17. August 2006 um 10:43  
Anonymous svencito schrieb...

Also, das mit dem Wassereis ist fuer mich nicht wirklich ueberraschend. Sagen wir mal, Pedro (der Eisverkaeufer) steht an einer Ampel an einer gut befahrenen Strasse in Monterrey. Eine Ampelphase dauert drei Minuten, in der er durchschnittlich ein Eis verkauft (manchmal zwei, manchmal keins)... das ganze macht Pedro acht Stunden am Tag bei 42 Grad in einem Overall(!!!):

0.60*20*8 = 96 Pesos pro TAG!

Soviel verdient ein 8-jaehriger, der bei Soriana die Tueten packt, in zwei Stunden an Propinas.

Pily (meine - neuerdings - Frau) hat mir mal erzaehlt, dass es ein Regierungsprogramm gab, das Leute dazu bewegen sollte, nichts mehr von Strassenhaendlern zu kaufen (oder den Jongleuren Geld zu geben), da "richtige" Jobs, die diesen Leuten angeboten wurden, kaum nachgefragt wurden, obwohl diese halt auch die ueblichen Sozialleistungen (z.B. oeffentliche KV) enthielten. Somit hat Deine These wohl Bestand.

Die voreilige Idee zur Loesung? Die Jobs sollten den Leuten Perspektiven bieten. Einen Pobre fuer 100 Pesos pro Tag arbeiten zu lassen (egal ob Regierung oder Privatunternehmer) ist fuer mich Ausbeutung. Aus demselben Grund weigere ich mich auch standhaft, eine Muchacha in unser Haus zu holen, auch wenn das heisst, dass wir den Abwasch selbst (mit der Hand - mangels Angebot von Geschirrspuelern) machen muessen. Die meisten Muchachas haben keine Perspektive, keine Altersvorsorge, und oft noch nicht mal eine Familie, die sie unterstuetzt (da die Familie irgendwo in der Sierra sitzt). Was also, wenn diese Damen zu alt zum Putzen sind?

Warum ist das eine voreilige Loesung? Fuer mich ist das Thema ein moralischer Zwiespalt, da viele Mexikaner, denen Chancen geboten werden, diese nicht wahrnehmen. Gibt es ein spanisches Wort fuer Arbeitsmoral? Man macht den Job, weil man ja arbeiten muss - ein notwendiges Uebel... nicht weil es einen Teil der Selbstverwirklichung darstellt. Dementsprechend ist dann auch die Motivation (schoen reflektiert in Deinen "Kundenservice"-Posts). Vielleicht reflektieren die geringen Loehne bloss die geringe Produktivitaet? Oder ist die niedrige Motivation in den niedrigen Loehnen begruendet?

Ein klassisches Henne-Ei-Problem.

17. August 2006 um 11:42  
Anonymous Anonym schrieb...

hi, clara hier
roland hat zu Recht bemerkt, dass der Deutschland vergleich hinkt. Klar hinkt er - aber wir haben hier alles gehabt - fliessend Wasser, selbstverständlich Schule, selbstverständlich Rechte. Aber, dadurch kommt es auch zu Reglementierungen, die es unmöglich machen, sich Arbeit einfach zu machen - Geld einzunehmen, ohne das irgendwer danach guckt wie. Diese Freiheit haben wir gar nicht mehr.
Unser Lebensstandard hat weitaus mehr zu verlieren, als jemand der da in der sierra lebt, sich seine Decken und Bodenunterlagen selbst knüpft oder günstig ersteht und vorwiegend damit beschäftigt ist, seinen Hunger oder Essbedarf zu stillen.
Und ich vergleiche auch Mexiko - Deutschland - was ginge von da hier in Deutschland zu übernehmen? Denn die Kreativität wie aus Nichts etwas gemacht wird, ist uns hier doch wohl völlig verloren gegangen.
Das Nichts-Tun eher wohl nicht - denn man muss ja leben, wenn kein Einkommen oder die sozialen Pötte nicht genügend hergeben.
Lieben Gruss
Clara

17. August 2006 um 12:27  
Blogger rolandmex schrieb...

"Soviel verdient ein 8-jaehriger, der bei Soriana die Tueten packt, in zwei Stunden an Propinas."

Aber Du weißt, dass
1. das Mindestalter dieser kids bei 14 liegt,
2. ihre "Schicht" nie mehr eine bis zwei Stunden beträgt (manchmal nur einen Tag in der Woche - siehe 3), und
3. sie wegen der großen Nachfrage einem strengen Auswahlverfahren unterliegen, bei dem z.T. Schulzeugnisse und Referenzen vorgelegt und einer der Eltern (bei Minderjährigen) erscheinen muß?

Ohne hier "väterlich bevormundend" wirken zu wollen: die Feinheiten, bei denen das oberflächliche Aussehen anders ist als der wirkliche Ablauf, wirst Du sehen, wenn Du länger im Land bist, Mexicaner aus diesen Schichten kennst und auch mal in den nicht so wohlhabenden Süden reist.

17. August 2006 um 15:35  
Anonymous Anonym schrieb...

Clara hier:
Die Einhaltung des Alters von 14 und das nur zwei Stunden arbeiten dürfen, ist wohl zum Schutz des Kindes, damit es noch Zeit hat, in die Schule zu gehen. Sofern das überhaupt noch schulpflichtiges Alter ist.
Und, was ich mich frage: wird kontrolliert ob sie nicht auch in anderen Supermärkten arbeiten? Dann sind diese Regelungen natürlich für die Katz.

Gruß Clara

19. August 2006 um 04:02  
Anonymous svencito schrieb...

Sicherlich kann ich bisher nur von Monterrey einigermassen qualifiziert sprechen ... obwohl ich allerdings auch schon im "nicht so wohlhabenden Sueden" (ausserhalb der Touristenhochburgen) unterwegs war.

Was die Kids bei Soriana betrifft, sind diese definitiv nicht alle 14 - einige garantiert 10 oder juenger, auch wenn vielleicht das Gesetz anders lautet. Und im Sommer ausserhalb der Schulzeit arbeiten sie sowohl laenger als 2 Stunden als auch bis spaet in die Nacht (i.e., 23h)... was auch immer das Gesetz dazu sagt.

Ich mach mich dann mal auf die Suche nach den Feinheiten ;) - Viele Gruesse aus MTY, Sven

21. August 2006 um 09:09  

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